Du kennst das: Auf dem OV-Abend wird wieder darüber gestritten, ob 100 W „QRP genug“ sind, und irgendwer erklärt dir, dass „früher mit einem nassen Bindfaden um den Balkon alles besser ging“. Währenddessen sitzen im Hintergrund ein paar Milliwatt und funken leise um die Welt. Das ist WSPR.

Was WSPR ist – und was es nicht ist
WSPR steht für „Weak Signal Propagation Reporter“ – eine digitale Betriebsart und ein Protokoll, das speziell dafür entwickelt wurde, extrem schwache Signale auszuwerten und damit Funkwellenausbreitung messbar zu machen.
Kernidee:
- Inhalt: Rufzeichen, Locator, Sendeleistung – mehr nicht.
- Zweck: Nicht „QSO machen“, sondern Ausbreitung beobachten.
- Prinzip: Viele Stationen senden automatisiert, viele empfangen automatisiert, alles landet in einer zentralen Datenbank (z.B. wsprnet.org).
Damit kannst du sehen:
- Welche Bänder gerade „offen“ sind.
- Welche Richtungen funktionieren.
- Wie sich Ausbreitung über den Tag, die Jahreszeit oder den Sonnenzyklus verändert.
WSPR ist also eher ein wissenschaftliches Messinstrument als eine klassische Betriebsart. Wer damit „Plaudern“ will, hat das Konzept ungefähr so verstanden wie jemand, der mit einem Oszilloskop versucht, E-Mails zu schreiben.

Wo WSPR eingesetzt wird
Typische Anwendungen:
- Ausbreitungsstudien: Wie weit komme ich mit 200 mW auf 20 m? Welche Dämpfung bringt die Nacht?
- Antennenvergleich: Zwei Antennen, gleiche Leistung, gleiche Zeit – welche wird häufiger und weiter gehört?
- QRP- und Minimal-Setups: WSPR ist brutal ehrlich: Wenn deine „Wunderantenne“ nichts taugt, zeigt dir das WSPR gnadenlos.
- Feldversuche und Portabelbetrieb: Kleine Sender, einfache Antennen, Powerbank – und du siehst trotzdem, ob dein Setup „funktioniert“.
Kurz: WSPR ist das Gegenteil von „gefühlt geht das gut“ – es liefert dir harte Daten, die dem Bauchgefühl der Besserwisser gern mal ins Gesicht springen.
Die Erfinder – und warum sie Respekt verdienen
WSPR stammt aus der Feder von Joseph Hooton Taylor Jr., K1JT, Nobelpreisträger für Physik (Pulsare, Gravitationswellen, so Kleinkram) und Funkamateur.
Er hat eine ganze Familie von digitalen Betriebsarten geschaffen (WSJT, JT65, FT8, usw.), alle mit einem Ziel: extrem schwache Signale zuverlässig dekodieren. WSPR ist dabei die Variante, die speziell auf Ausbreitungsbeobachtung optimiert ist.
Die Software ist Open Source, wird von einem kleinen Entwicklerteam weiter gepflegt und läuft auf praktisch allem, was eine Soundkarte und ein halbwegs funktionierendes Betriebssystem hat.
Während also manche im Shack noch darüber diskutieren, ob ein Computer „echter Amateurfunk“ ist, haben Taylor & Co. längst dafür gesorgt, dass ein paar Milliwatt mit mathematischer Präzision um den Globus flüstern.
Wie ein WSPR-Signal aufgebaut ist.
Ein WSPR-Signal klingt wie ein leicht nerviger, sehr schmalbandiger Ton, der über knapp zwei Minuten ganz langsam seine Frequenz ändert. Hinter diesem scheinbar simplen „Pfeifen“ steckt eine ziemlich raffinierte Struktur.

Grundstruktur einer Aussendung
- Dauer: ca. 2 Minuten (etwa 110–120 Sekunden reine Nutzdauer).
- Startzeit: Immer kurz nach einer geraden Minute (z.B. 12:00:01 UTC).
- Bandbreite: Nur wenige Hertz – typischerweise um 6 Hz.
- Inhalt:
- Rufzeichen
- Locator (4-stellig)
- Sendeleistung in dBm
Diese Informationen werden komprimiert, codiert und mit Fehlerkorrektur versehen, sodass am Ende eine relativ kleine Datenmenge entsteht, die extrem robust übertragen werden kann.
Die Modulation von WSPR – 4-FSK im Schneckentempo
WSPR verwendet 4-FSK, also eine Frequenzumtastung mit vier verschiedenen Tonfrequenzen.
Was bedeutet 4-FSK hier konkret?
- Vier Töne: Das Signal springt zwischen vier sehr eng beieinanderliegenden Frequenzen hin und her.
- Symbolrate: Die Frequenz wird nur wenige Male pro Sekunde geändert – jedes „Hüpfen“ entspricht einem Symbol.
- Extrem schmalbandig: Durch die geringe Symbolrate und die kleinen Frequenzabstände bleibt die gesamte Aussendung in einem winzigen Frequenzfenster.
Die eigentliche Kunst passiert aber nicht in der HF, sondern in der Signalverarbeitung:
- Die Daten werden stark komprimiert.
- Es wird eine Vorwärtsfehlerkorrektur eingesetzt.
- Der Empfänger nutzt lange Integrationszeiten und schlaue Algorithmen, um das Signal weit unterhalb des Rauschens herauszuziehen.
Ergebnis: WSPR-Signale können noch dekodiert werden, wenn sie deutlich unter der Hörschwelle liegen – typischerweise bis etwa 20–30 dB unter dem Rauschen in einem 2,5 kHz-Audiofenster.
Oder anders gesagt: Während der „Alles-Könner“ im Shack behauptet, „da ist nix zu hören“, hat WSPR längst 50 Spots in 10 000 km Entfernung gesammelt.
Vor- und Nachteile der WSPR-Modulation (4-FSK + FEC)
Technische Bewertung in Tabellenform
| Aspekt | Vorteil | Nachteil |
|---|---|---|
| Bandbreite | Extrem schmal, nur wenige Hertz – sehr effizient im Spektrum. | Nicht für hohe Datenraten geeignet, nur Minimalinformationen. |
| Empfindlichkeit | Dekodierbar weit unterhalb der Hörschwelle. | Erfordert exakte Frequenz- und Zeitsynchronisation. |
| Robustheit | Fehlerkorrektur macht das System sehr tolerant gegenüber Störungen. | Wenn es zu gestört ist, gibt es keine „halben“ Dekodierungen – alles oder nichts. |
| Implementierung | Relativ einfach mit SSB-TRX + Soundkarte realisierbar. | Präzise Taktung und Frequenzstabilität sind Pflicht, Billig-Quarze können nerven. |
| Ausbreitungsanalyse | Ideal für statistische Auswertung und globale Karten. | Für echte Kommunikation (Dialog) ungeeignet. |
| Leistungsbedarf | Funktioniert mit wenigen Milliwatt – perfekt für QRP und Solar. | Hohe Sendeleistung ist sinnlos, aber wird trotzdem gern „aus Prinzip“ genutzt. |
| Betriebsabwicklung | Vollautomatisierbar, 24/7-Betrieb möglich. | Wer „Funkgespräch“ erwartet, wird bitter enttäuscht – es funkt ohne dich. |
| HF-Sauberkeit | Schmalbandig, gut kontrollierbar, wenig Nebenaussendungen bei sauberem Setup. | Schlechte Soundkarten, falsche Pegel oder übersteuerte PA ruinieren alles. |
Praktische Konsequenzen – was WSPR dir wirklich sagt
1. Deine Antenne lügt nicht – du schon eher
Mit WSPR kannst du sehr nüchtern testen:
- Wie oft wirst du auf welchem Band gehört?
- In welchen Entfernungen?
- Mit welcher Sendeleistung?
Wenn deine „supergeheime Balkonantenne“ mit 5 W WSPR weltweit kaum Spots erzeugt, liegt das Problem selten an der Ionosphäre.
2. Leistung ist nicht alles
WSPR zeigt gnadenlos:
- Ein sauberer, stabiler Sender mit 200 mW und einer brauchbaren Antenne schlägt oft den 100 W-Brüllwürfel mit schlecht angepasster Drahtsalat-Konstruktion.
- Wer „mehr Leistung“ als Allheilmittel predigt, ignoriert, dass WSPR mit Milliwatt Reichweiten erzielt, von denen manche SSB-Station nur träumen.
3. Besserwisser-Filter
WSPR ist ein wunderbares Werkzeug, um Aussagen wie:
„Mit der Antenne kommst du niemals über 500 km!“
durch einen einfachen Blick auf die WSPR-Karte zu entkräften. Wenn die Spots aus Übersee im Log stehen, ist die Diskussion meist schneller vorbei als der nächste OV-Klönschnack.
Typischer WSPR-Workflow – vom Shack zur Weltkarte
Ohne in Konfigurationsorgien abzudriften, sieht ein typischer Ablauf so aus:
- Transceiver: SSB-fähiger TRX, stabil in Frequenz, möglichst sauberer TX.
- Audio-Schnittstelle: Soundkarte (intern, USB, Interface) zwischen PC und TRX.
- Software: WSJT-X oder kompatible Programme, WSPR-Modus auswählen.
- Taktung: Systemuhr per NTP oder GPS sauber synchronisieren – Sekundenfehler sind tödlich.
- Betrieb:
- Sendeleistung einstellen (ehrlich, nicht „gefühlt“).
- Band wählen, Frequenz in den WSPR-Bereich setzen.
- Automatik laufen lassen – Sende-/Empfangszyklen im 2-Minuten-Raster.
- Auswertung:
- Spots auf wsprnet.org oder ähnlichen Diensten ansehen.
- Karten, Statistiken, Zeitverläufe interpretieren.
Und ja: Das Ganze funktioniert auch komplett empfangsseitig – ein reiner WSPR-Empfänger ist ein hervorragendes Werkzeug, um die Ausbreitung zu beobachten, ohne selbst zu senden.
WSPR als Reality-Check im Amateurfunk
WSPR ist im Kern eine freundliche, aber sehr direkte Antwort auf viele liebgewonnene Mythen im Hobby:
- „Man muss mindestens 100 W fahren, sonst geht da nix.“
- „Meine Antenne geht super, ich hab da mal einen aus Spanien gearbeitet.“
- „Digital ist doch kein richtiger Funk.“
WSPR sagt:
- Mit Milliwatt geht sehr viel – wenn Antenne, Standort und Technik stimmen.
- Eine einzelne Anekdote ersetzt keine Statistik.
- Digitale Signalverarbeitung ist kein Verrat am Hobby, sondern dessen logische Weiterentwicklung.
Wer das nicht mag, kann natürlich weiter behaupten, dass früher alles besser war. Der Rest schaut sich währenddessen in Ruhe die WSPR-Karte an und sieht in Echtzeit, wie die Welt funkt.