WSPR im Feldversuch – Antennen entzaubern, Mythen pulverisieren, Wahrheit messen

Willkommen zum zweiten Teil unserer kleinen WSPR‑Reihe. Heute geht es ans Eingemachte: Wie du WSPR gezielt für Antennenvergleiche nutzt und wie du mit 200 mW und einem Stück Draht am Fensterrahmen Funkphysik betreibst, die manchen Hochleistungs‑Besserwisser spontan in die Tischkante beißen lässt.

Der Ton bleibt wie gewohnt freundlich‑schwarz, technisch präzise und gnadenlos ehrlich.

1. WSPR als Antennen‑Lügendetektor

Viele Antennen „gehen gut“. Zumindest laut Besitzer. WSPR ist das Werkzeug, das diesen Satz in zwei Kategorien teilt:

  • Messbar gut
  • Gefühlt gut (auch bekannt als: „Ich hab da mal Spanien gearbeitet… 1998… glaub ich…“)

WSPR liefert dir harte Daten, die du direkt vergleichen kannst.

1.1 Wie man Antennen fair vergleicht

Damit der Vergleich nicht zur Selbsttäuschung wird, brauchst du ein paar Grundregeln.

Regel 1: Gleiche Sendeleistung

Wenn du Antenne A mit 5 W und Antenne B mit 0,2 W testest, brauchst du dich über „komische Ergebnisse“ nicht wundern. WSPR ist ehrlich – du musst es auch sein.

Regel 2: Gleiche Zeitfenster

Ausbreitung ändert sich minütlich. Vergleiche also abwechselnd:

  • Minute 00: Antenne A
  • Minute 02: Antenne B
  • Minute 04: Antenne A
  • usw.

Regel 3: Gleiche Frequenz, gleiche Software, gleiche Einstellungen

Nur die Antenne darf variieren. Alles andere bleibt unangetastet.

Regel 4: Auswertung über viele Spots

Ein einzelner Spot ist eine Anekdote. 50 Spots sind eine Aussage. 500 Spots sind ein Urteil.

1.2 Was du aus den Daten herausliest

Parameter, die wirklich zählen:

  • Anzahl der Spots
  • Maximale Distanz
  • SNR‑Verteilung
  • Richtungsabhängigkeit
  • Zeitliche Stabilität

Typische Erkenntnisse:

  • Eine „schlechte“ Antenne kann überraschend weit kommen – aber selten oft.
  • Eine „gute“ Antenne liefert viele Spots, stabile SNR‑Werte und reproduzierbare Ergebnisse.
  • Vertikale Antennen zeigen oft bessere DX‑Reichweiten, horizontale oft bessere regionale Abdeckung.
  • Endgespeiste Drähte sind nicht „magisch“, aber sie funktionieren oft erstaunlich gut – und WSPR zeigt dir, wann und warum.

1.3 Der Besserwisser‑Moment

Wenn du deine Ergebnisse präsentierst, kommt garantiert jemand:

„Das kann gar nicht stimmen, meine Antenne ist viel besser!“

Dann zeigst du ihm die WSPR‑Karte. Er schaut drauf. Er schweigt. Du genießt.

2. Minimal‑Setup: 200 mW und ein Draht am Fensterrahmen

Jetzt wird’s praktisch – und ein bisschen frech.

Denn WSPR zeigt eindrucksvoll, dass du keine 1‑kW‑Endstufe brauchst, um die Welt zu erreichen. Du brauchst:

  • 200 mW (oder weniger)
  • Einen halbwegs stabilen Sender
  • Ein Stück Draht
  • Ein Fenster

Und schon betreibst du Funkphysik, die manchen OV‑Veteranen spontan nostalgisch werden lässt.

2.1 Warum 200 mW so gut funktionieren

WSPR ist darauf optimiert, Signale 20–30 dB unter dem Rauschen zu dekodieren. Das bedeutet:

  • 200 mW wirken wie 20 W in SSB
  • 20 mW wirken wie 2 W
  • 2 mW wirken wie 200 mW

Und ja: 0,1 mW kann noch weltweit dekodiert werden, wenn die Bedingungen stimmen.

2.2 Der Fensterrahmen‑Draht – unterschätzt, aber effektiv

Ein 2–5 m langer Draht am Fensterrahmen ist keine „richtige Antenne“. Aber er ist:

  • resonanzfrei genug, um nicht völlig taub zu sein
  • hoch genug, um nicht komplett im Nahfeld zu sterben
  • unauffällig
  • schnell gebaut
  • überraschend brauchbar

Typische Ergebnisse:

  • 40 m: Europa problemlos, DX möglich
  • 20 m: Weltweit, wenn die Bedingungen gut sind
  • 10 m: Überraschend viele Spots, wenn die Sonne mitspielt

2.3 Warum das funktioniert – ohne Formeln

WSPR nutzt:

  • extrem schmale Bandbreite
  • lange Integrationszeiten
  • robuste Fehlerkorrektur
  • präzise Frequenzanalyse

Dadurch wird selbst ein „schlechter“ Strahler zu einem brauchbaren Werkzeug. Nicht gut – aber brauchbar.

Und genau das reicht für WSPR.

3. Schritt‑für‑Schritt: Dein erster Minimal‑WSPR‑Test

3.1 Hardware

  • TRX oder WSPR‑Sender
  • 200 mW Ausgangsleistung
  • 3–5 m Draht
  • Fensterrahmen, Gardinenstange oder Balkon

3.2 Software

  • WSJT‑X
  • Uhr per NTP synchronisiert

3.3 Ablauf

  1. Draht befestigen
  2. TRX auf WSPR‑Frequenz einstellen
  3. Leistung auf 200 mW reduzieren
  4. 30–60 Minuten senden
  5. Spots auf wsprnet.org ansehen

3.4 Interpretation

  • Viele Spots → Draht funktioniert
  • Wenige Spots → Draht funktioniert, aber schlecht
  • Keine Spots → Draht hängt vielleicht im Blumentopf

4. Fazit: WSPR ist das Skalpell der Antennenanalyse

Mit WSPR kannst du:

  • Antennen objektiv vergleichen
  • Minimal‑Setups testen
  • Mythen entzaubern
  • Physik sichtbar machen
  • Besserwisser elegant zum Schweigen bringen

Und das alles mit ein paar Milliwatt und einem Stück Draht.